Wer sich auf die Reise begeben sollte

It’s a dangerous business, going out of your door, you step onto the road, and if you don’t keep your feet, there’s no telling where you might be swept off.
J. R. R. Tolkien

Reisen ist abenteuerlich, aufregend, gewinnbringend – es kann aber auch gehörig schief gehen. Ich finde: Reisen ist die beste Metapher für das, was nach dem Konsum einer psychedelischen Substanz passiert. Nicht umsonst nennt man es einen Trip! Einige Leute scheinen geeigneter für das Trippen zu sein als andere. Aber stimmt das? Wer sollte eigentlich trippen?

Der „Big Five“ Persönlichkeitstest
Laut diesem Persönlichkeitstest gibt es fünf zentrale Dimensionen in der Persönlichkeit eines Menschen:
  • Pflichtbewusstsein, Gewissenhaftigkeit
  • Extraversion/Introversion
  • Empathie, Verträglichkeit
  • Offenheit für Erfahrungen
  • Neurotizismus, Emotionalität/Verletzbarkeit

Entscheidend für diesen Blogeintrag ist der Charakterzug „Offenheit“. Im Englischen lautet es „openmindedness“, was meiner Meinung nach treffender ist, da „Offenheit“ im Deutschen leicht mit Extravertiertheit verwechselt werden kann.

Wer sind Menschen mit offenen Geistern? Es sind die Kreativen, die Künstler, die Philosophen. Es sind Menschen, die Ideen lieben. Offene Geister brauchen andere offene Geister, mit denen sie sich austauschen können, mit denen sie über ihre abstrakten Vorstellungen reden können, ohne das Gefühl zu haben, das Gegenüber tödlich zu langweilen (ist ein offener Mensch auch noch sehr empathisch, kann das schrecklich für ihn sein). Sie brauchen intellektuelle Stimulation, und sie brauchen öfter einmal etwas Neues. Sie reisen gerne, denn sie mögen das Unbekannte. Und sie reisen eben gerne auch mal nach Innen.

Andere Menschen bevorzugen Sicherheit und genießen das Vertraute, sie finden genug Schönes in ihrem Alltag, das sie nährt. Es interessiert sie nicht, sich irgendeine Substanz einzuflößen und abzuwarten, was passiert.
Das ist nicht schlechter. Auch nicht besser. Das ist einfach so.

Natürlich mögen aber auch nicht alle offenen Charaktere (substanzinduzierte) veränderte Bewusstseinszustände. Das Stigma rund um Psychedelika ist außerdem so gewaltig, dass viele die Möglichkeit gar nicht in Betracht ziehen. Ein Psychonaut hingegen, der regelmäßig trippt, ist mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit ein offener Mensch.

Timothy Leary: Psychedelika nur für die Schönen!

LSD ist nicht für jedes Gehirn etwas – nur die Gesunden, Glücklichen, Schönen, Hoffnungsvollen, Humorvollen und Agilen sollten nach einer solchen Erfahrung suchen. Dieser Elitismus ist gänzlich selbstbestimmt. Wenn du nicht selbstbewusst, selbstgesteuert, selbstbestimmt bist, lass es bitte.
Timothy Leary

Leary’s Worte sind natürlich keine Faustregel, aber es liegt eine gewisse Wahrheit darin: Set (momentaner geistiger Zustand) und Setting (Umgebung) spielen eine Rolle! Tendenziell ist es wahrscheinlicher, einen schönen Trip zu haben, wenn du dich gut fühlst, fest im Leben stehst, selbstbewusst bist und Herausforderungen mutig entgegenblickst. Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen (mich eingeschlossen) die behaupten, so etwas wie einen schlechten Trip gibt es gar nicht. Denn aus allem kann man etwas lernen, wenn man bereit dazu ist – selbst aus der Begegnung mit dem Teufel. Psychedelika werden nicht umsonst von vielen Menschen als Mittel zu Selbsterkenntnis und Wachstum verwendet. Dass das nicht immer leicht ist, wird dir spätestens klar, wenn du in einen winzigen Kübel kotzt, begleitet von den Spuckgeräuschen anderer Ayahuasca Zeremonieteilnehmer und einem Mann, der zeitweilig glaubt, ein Löwe zu sein und daher brüllt, als gäbe es kein Morgen.

Trippen um die Welt zu retten?

„Gebt Donald Trump ‚five dried gramm in silent darkness‘ und er wird ‚erwachen‘, „Die Welt wäre ein friedlicher Ort, wenn alle Leute trippen würden“

In den 60igern glaubte man noch an die Möglichkeit einer friedlichen Welt, in der wir zusammen mit den Einhörnern leben würden. Okay, die meisten von uns hängen immer noch irgendwelchen utopischen Gedanken nach und sehnen sich Zauberwesen herbei. Wo kämen wir denn hin, wenn wir uns auf einmal der Tatsache stellen würden, dass die Welt immer schon verkorkst war und vermutlich für alle Zeit verkorkst bleiben wird, und es absolut keinerlei Hinweis darauf gibt, dass der Mensch intrinsisch gut ist; und dass das Leben leiden ist und die einzige Möglichkeit, uns vor einem alles zerschmetternden Nihilismus zu retten, darin besteht, unsere Fähigkeit zur Akzeptanz auszubauen und nicht alles verändern zu wollen…?
Ich schweife ab.

Die Idee, dass eine hohe Dosierung LSD oder Psilocybin die Mächtigen dieser Welt zur Besinnung bringt ist schlichtweg naiv. Auch mehrere hohe Dosierungen würden nichts bringen, denn wo kein Wille ist, ist auch kein Weg. Man kann niemanden zur Selbsteinsicht zwingen. Durch einen Gewaltakt jedweglicher Art lässt sich eine bessere Welt auch nicht herstellen.

LSD und Psilocybin als Antidepressivum

Eine Studie der John Hopkins University zeigt, dass eine hohe Dosis Psilocybin Depressionen und Angstzustände von Krebspatienten nachhaltig verbesserte:

High-dose psilocybin produced large decreases in clinician- and self-rated measures of depressed mood and anxiety, along with increases in quality of life, life meaning, and optimism, and decreases in death anxiety. At 6-month follow-up, these changes were sustained, with about 80% of participants continuing to show clinically significant decreases in depressed mood and anxiety.

Das ist nur eine der Studien, die in den letzten Jahren zu psychedelischen Substanzen und ihrer Wirksamkeit durchgeführt wurden: mit verschiedenen Testpersonen (Menschen, die an unbehandelbarer Depressionen litten; Betroffene von PTSD; Raucher, etc), verschiedenen Umständen (mit begleiteter Psychotherapie, einmalige Dosis oder häufige, etc) und verschiedenen Substanzen. Aus dem empirischen Datenmaterial geht hervor, dass Psychedelika einiges mehr können, als schöne Muster aus dem Nichts heraus zu zaubern.

Vorsicht

Ich gebe hier eine auf Deutsch übersetzte Version wider von dem, was James W. Jesso („psychedelischer Enthusiast“) hier gesagt hat.

„Ich denke, manche Leute sollten gar keine Psychedelika nehmen, nie. Weil sie damit nicht umgehen können und es sie verwirren und verstören kann.
Unser Selbst-Gefühl – wer wir sind und wie wir in der Welt handeln – entwickelt sich über die Balance von Ordnung und Chaos. Die Ordnung ist unsere Identität und wie wir die Welt um uns herum strukturieren: unsere autonome Wahrnehmung von Realität, die Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen und darüber, wer wir sind, woher wir kommen, und wofür wir hier sind…
Und das Chaos ist alles andere, das in unserem Geist/Bewusstsein existiert. […] Manche Menschen können die Wände zwischen Chaos und Ordnung [zeitweise] fallen und das Chaos regieren lassen, um die Wände später wieder aufzubauen und somit ein komplexeres und kohärenteres Wesen zu werden.
Andere Menschen werden es nicht schaffen, diese Wände wieder aufzubauen und sie werden nicht fähig dazu sein, mit dem positiv umzugehen, was ihnen gezeigt wird. Das kann zu Trauma und Verwirrung führen.“

Menschen mit einem kritischen geistigen Gesundheitszustand (wie zum Beispiel bei Schizophrenie) sollten die Finger von Psychedelika lassen (und anderen Drogen). Ebenso sehr instabile Persönlichkeiten. Mit der geistigen Gesundheit sollte man nicht spielen, und Psychedelika sind nie auf die leichte Schulter nehmen.

Legalize it!

Es sollten also nicht alle zu psychoaktiven Substanzen greifen. Es wollen auch nicht alle. Aber es sollte auf jeden Fall die Möglichkeit für jeden geben, sich auf die Reise zu begeben; ob fröhlich oder traurig, weltverbesserungseifrig oder einfach neugierig. Jeder muss es für sich selbst entscheiden. Wichtig ist, zu wissen, worauf man sich einlässt (alles recherchieren! auf sich achten!). Und auch in einem System, dass den Konsum von „Drogen“ kriminalisiert, sollte man aufeinander aufpassen, um einen sicheren Trip für alle zu gewähren.

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