Sucht – Irrglaube, Realität und Bekämpfung

I have seen the best minds of my generation, starving, hysterical, naked, dragging themselves through negro streets at dawn, looking for an angry fix…
Allen Ginsberg

Man hat uns beigebracht, dass Sucht eine chemische Reaktion unseres Körpers ist und man eine bestimmte Substanz nur lange genug nehmen muss, um süchtig zu werden. An der Spitze dieses gigantischen Suchtberges steht Heroin, dicht gefolgt von Chrystal Meth und Kokain, ganz unten befinden sich Tabak und Kaffee. Irgendwo dazwischen: Alkohol, Amphetamine, LSD und Co.

Und tatsächlich: unser Körper giert nach gewissen Substanzen, wenn wir sie ihm eine Zeit lang konsequent zuführen. Dass dies ein physischer Prozess ist, weiß jeder, der schon einmal aufgehört hat, zu rauchen. Es dauert seine Zeit, bis der Körper das Verlangen mitsamt Entzugserscheinungen überwunden hat- und es kann ganz schön ungemütlich werden.

Diese Sicht auf Sucht nennt sich „pharmazeutische Suchterklärung“ und die meisten Menschen geben sich mit dieser Erklärung zufrieden. Doch ist es nur ein Teil der Wahrheit- und zwar ein verhältnismäßig kleiner. Die pharmazeutische Suchterklärung sagt nichts darüber aus, weswegen manche Menschen süchtig und immer wieder rückfällig werden –andere hingegen nicht.

Not even once?

Peter ist Familienvater von zwei Kindern; er hat eine Frau, die er liebt und schätzt; er übt einen Beruf aus, der ihn erfüllt, er hat ein Haus mit Garten und am Wochenende bastelt er oder wandert mit Hund und Freunden in den umliegenden Bergen. Er führt ein glückliches Leben, aber Peter ist ein neugieriger Mensch und möchte daher immer etwas Neues ausprobieren. Als sein bester Freund,  ein Pharmazeut, sich mittels Kollegen reines Diamorphin (Heroin) verschafft und ihm vorschlägt, die Substanz einmal auszuprobieren, ist er sofort dabei.

Was denkt ihr: Ist Peter süchtig nach diesem einmaligen Konsum? Wird er alles verlieren, um im nächsten Jahr bettelnd in den Ubahnen der Hauptstadt herumzuziehen, nur um genug Geld für den nächsten Schuss zu bekommen?
Ich kann es mir kaum vorstellen.

Dieses Beispiel zeigt  (abgesehen davon, dass meine Idee eines glücklichen Lebens erstreckend spießig ist für jemanden, der sich regelmäßig an den Rand des Wahnsinns begibt), dass Sucht von so viel mehr Facetten abhängig ist, als nur von physischen. Selbst wenn Peter abhängig würde, sich regelmäßig mit seinem Freund zum Konsumieren träfe, er würde seinen Lebensstandart wohl kaum verlieren. Er ist wohlhabend, er kann sich das Heroin leisten. Er würde einer von den zahlreichen unsichtbaren Süchtigen sein, die unauffällig sind, solange sie sich ihren Konsum leisten können, und nicht auf Beschaffungskriminalität zurückgreifen müssen. Aber Peter führt ein glückliches Leben,  die Wahrscheinlichkeit, dass er süchtig wird, ist klein. Warum sollte er öfter, als es ihm guttut, auf eine Substanz zurückgreifen, wo er doch bereits ein recht zufriedener Mann ist?

Das Rattenpark- Experiment

Folgendes Experiment sollten sich all jene Menschen näher ansehen, die in der Drogenpolitik etwas zu sagen haben: Eine Ratte, die alleine in ihrem Käfig hockt und zusätzlich zu ihrer normalen Wasserflasche eine Flasche versetzt mit Heroin oder Kokain bekommt, trinkt an der Drogenflasche. Wieder und wieder, bis sie stirbt. Dies galt lange als Beweis dafür, dass Drogen einfach schlecht sind.
Bis in den 1970er Jahren das Experiment erweitert wurde: nun saßen mehrere Ratten nicht in einem kargen Käfig, sondern in einem Rattenpark, inklusive Tunnel, Spielzeug und Gefährten (Ratten sind ungemein soziale Wesen). Und siehe da: keine der Ratten brachte sich zum Tode!  Sie nuckelten zwar auch an dem mit Drogen versetzten Wasser, aber die meisten mochten es nicht besonders und keine von den Ratten wurde abhängig. Sie waren einfach zu beschäftigt mit Spielen und Glücklich sein.

Sucht, Schmerz, Trauma

We took morphine, diamorphine, cyclizine, codeine, temazepam, nitrazepam, phenobarbitone, sodium amytal, dextropropoxyphene, methadone, nalbuphine, pethidine, pentazocine, buprenorphine, dextromoramide, chlormethiazole. The streets are awash with drugs you can have for unhappiness and pain, and we took them all. Fuck it, we would have injected vitamin C if only they’d made it illegal.
Renton, Trainspotting

Johann Hari, Autor von „Chasing the Scream: The First and Last Days of the War on Drugs” behauptet, „dass es bei der Sucht im Grunde nicht darum geht, was man schluckt oder spritzt – es geht um den Schmerz in der Seele.“  Und tatsächlich liegt dieser Verdacht nahe, wenn man sich entsprechende Statistiken ansieht: Heroinabhängige erlitten oft schwere Traumata in der Kindheit, von Missbrauch über instabile Verhältnisse. Sie tragen diese Verletzungen mit in ihr Erwachsenenleben und sehnen sich nach etwas, dass ihnen jenen Schmerz, den andere Menschen gar nicht fühlen, erträglich macht. Trauma ist nicht nur ein esoterisches Konzept ohne Hand und Fuß. Mittlerweile wird in Psychologie und Neurobiologie viel dazu geforscht und es scheint, als wären in der Kindheit entstandene Traumata tatsächlich für viele spätere Verhaltensmuster verantwortlich.

Hand aufs Herz: Wer hat sich nicht schon einmal angewidert von einem „Junkie“ abgewandt? Man will nicht sehen, was Menschen in der Lage sind, sich selbst anzutun, in welche Tiefen man hinab gleiten kann. Doch ohne auf die Tränendrüse drücken zu wollen, und ohne diesen Menschen Autonomie oder Verantwortung abzusprechen: Sucht ist eine Krankheit! Und eine Krankheit gehört geheilt, nicht bestraft. Und doch haben wir ein System errichtet, dass Süchtige exkludiert. Man geht davon aus, dass man sie mit den entsprechenden Strafmaßnahmen wieder zur „Besinnung“ bringen könne, man behandelt sie als Kriminelle, Ausstößige, Willensschwache. Doch das obige Experiment mit den Ratten zeigt, dass Isolation nicht der Weg zur Heilung ist, sondern alles noch verschlimmert. Es ist wider jede Logik, Sucht zu bestrafen, denn damit wird der Schmerz nur gesteigert.

The war on drugs

Würden wir als Gesellschaft wirklich evidenzbasiert agieren, die aktuellsten wissenschaftlichen Studien heranziehen, uns Fallbeispiele wie Portugal ansehen – es gäbe den „war on drugs“ schon längst nicht mehr. Die ganze Drogenpolitik würde refomiert! Und das nicht nur aus sozialliberaler Romantik: selbst der konservative Milton Friedmann sprach sich seinerzeit gegen einen Drogenkrieg aus. Und zwar aus einem pragmatischen, neoliberalen Grund: Hilfseinrichtungen für Süchtige sind für den Staat schlicht und ergreifend billiger als Strafmaßnahmen.

Sucht entsteht zu einem großen Teil aus Schmerz (nicht aus Schwäche) – und Schmerz kann man heilen. Wenn ein Mensch es von ganz alleine nicht schafft, gibt es immer noch die Gemeinschaft, die ihm dabei helfen kann und ihm zeigt, dass er nicht alleine ist, dass er keine isolierte Ratte in einem Käfig ist. Ich habe einmal jemanden sagen hören, sein erster Heroinrausch war wie eine warme Umarmung. Anstatt ihm diese Umarmung zu entreißen und ihn für den Wunsch nach Wärme auch noch zu verurteilen, können wir ihm doch etwas Schöneres, Erfüllenderes geben. Wie wäre es beispielsweise mit einer echten Umarmung?

 

Fotos:

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