Vom Nicht – Handeln

Foto by Claudio Schwarz | @purzlbaum

Und ein paar andere Gedanken zu Corona…

Du sitzt mit deinen Liebsten beim Abendessen zusammen. Ihr trinkt ein paar Gläser Wein, plaudert über dies und das und irgendwann kommt unweigerlich zur Sprache, was in der Welt passiert. Aktuell: Corona, Flüchtlingskrise, Umweltkrise. Ständige Klassiker: Kapitalismus, Patriarchat, das „System“, (oder, je nach Subgruppe, die „Matrix“). Ihr redet und echauffiert euch und es tut auch wirklich weh, wenn man ins Detail geht, wenn man sagt: da sind Kinder, die sterben jetzt, gerade. Ihr sitzt und esst eure Spaghetti und seid ein bisschen beschwipst vom Wein, gerade so, dass es angenehm und warm ist, und ihr wollt ja wirklich etwas verändern in der Welt. Ihr seid voll für Frieden. Flüchtlinge sind willkommen, ist ja genug Platz und der ein oder andere ist bereit, freiwillig Deutschkurse zu geben.

Und dann trinkt ihr ein bisschen weiter und auf einmal ist die Rede von eurer letzten Reise nach Südostasien und dann von Anna, die jetzt verheiratet ist. Nein, das ist kein Text darüber, dass wir alle wohlstandsverwahrloste, privilegierte Bobos sind, denen alles am Arsch vorbei geht.

Denn das ist es ja: Uns geht das nicht am Arsch vorbei.

Das ist ein Text über unsere Hilflosigkeit.

Trauma kommt aus dem Altgriechischen (τραύμα) und bedeutet Wunde. Kann es nicht sein, dass wir kollektiv einfach tief verwundet sind? Dass wir deswegen taub sind für alles, was geschieht und uns nur manchmal trauen, hinzusehen, reinzuspüren, aber nur kurz, weil man muss noch ein Geburtstagsgeschenk für den Hubsi kaufen und man ist überhaupt immer ein bisschen müde?

Ein Trauma entsteht, wenn nach dem lebensgefährdeten Vorfall die überschüssige Energie (Kampf-Flucht-Starre) nicht abgeleitet werden kann. (Zum Beispiel, wenn ich nach einem Autounfall keinen Zustand von Zittern zulasse.) Und die festgehaltene Energie macht uns dann zu schaffen. So ist es mit dem individuellen Nervensystem. Wieso sollte es also mit dem kollektiven anders sein?

Lasst uns doch einmal „Hilflosigkeit“ bzw das Gefühl von Ohnmacht als ein kollektives Trauma-Symptom betrachten. Denn: Wir sehen das Leid, wir wissen darüber Bescheid, aber wir machen einfach nichts. Nicht weil wir faul sind, nicht weil wir egoistisch sind, sondern weil uns das Handeln sukzessiv abtrainiert wurde. Alles, was wir in dieser Gesellschaft lernen, vom Kindergarten bis zur Universität, ist, Autoritäten zu folgen. Aber es fing ja alles schon viel früher an. Unser Kulturtrauma reicht ein paar Jahrtausende zurück und diese Geschichte ist ein Teil von unserem Da-Sein heute, ob wir wollen oder nicht. Unterdrückung ist etwas, das unsere Körper gut kennen.

Und deswegen kennt sich niemand aus bei einer Krise wie Corona. Man nennt das im Trauma-Fachjargon „Orientierungslosigkeit“. Dann ist man womöglich froh, wenn der Kurz auf einmal zur väterlich-fürsorglichen Figur wird, die sich kümmert, um uns Österreicher. Juhu, endlich mal einer der für Klarheit sorgt, vergessen sind seine Machtversessenheit und sein üblicher Schabernak.

Aber diese intoxifizierten Nächte mit Menschen, die nichts lieber wollen, als eine Änderung des Systems… sie häufen sich in meinem jungen Leben. Man kenn das drüber reden. Und dieses Nicht-Handeln, oder das stockende, viel zu vorsichtige Handeln, wenn wir eigentlich etwas sagen müssten, nein schreien, nein, mit metaphorischen Panzern fahren, angesichts der unerträglichen Gewalt, Korruption, Lügerei in dieser Welt, dieses Nicht-Handeln gilt es anzugehen.

Gesellschaft in Starre

Was, wenn wir erstarrt sind? Wir sind einfach vom Schrecken unserer Geschichte und Gesellschaft so erstarrt, dass wir nicht handeln können! Könnten wir – kollektiv – etwas von der Energie ableiten, ganz physiologisch, wer weiß, vielleicht würden wir endlich „aufwachen“? Wenn wir einfach ein bisschen mehr heilen, ein bisschen mehr tanzen, ein bisschen mehr unsere Wunden lecken würden? Wenn wir ein bisschen mehr Zittern würden, so, wie die Gazelle, die gerade dem Schrecken des Löwenmauls entkommen ist?

Ich liebe meine Rotweinnächte und das Rätseln und Diskutieren ob des absurden Weltgeschehens. Und ich habe durch Corona festgestellt, wie einfach man sich an so einer Massenhysterie aufgeilen kann. (Ist es Dopamin, das sich freischaltet oder einfach der Adrenalinkick, der noch besser als der Nachmittagskaffee fetzt?) Und ich durfte auch am eigenen Leib erfahren, dass es nichts bringt. Die Panik macht uns nicht handlungsfähig (zumindest nicht effekt). Die Schuld übrigens auch nicht, was die #staythefuckhome Meute auf den sozialen Medien noch nicht verstanden hat, wenn sie öffentlich Menschen angreift, die sich dem semi-sozialen Zwang zur Isolation aus irgendwelchen Gründen nicht unterwirft.

Oh Welt, was du dir wieder einfallen lässt…

Fest steht: es muss sich etwas ändern. Unsere globalisierte Welt ist eine absolute Katastrophe. Ständig, nicht nur mit Corona. Und trotzdem zeigt uns die aktuelle Corona-Krise – ob zufällig, menschengemacht oder übertrieben – dass unser Wirtschaftssystem absolut nicht tragfähig ist. Und einmal mehr sehen wir, wie sehr unser aktueller Scheiß uns von anderen Krisen ablenkt. Die Medien und die Panikmache sind dabei nicht hilfreich.

Tauen wir auf, aus unserer Starre. Es ist ein körperlicher Prozess! Tanzen wir ein bisschen. Zittern wir. Und dann handeln wir. Es klingt, als spräche ich mir da nur selbst ein bisschen Mut zu, jetzt, wo der Rotwein seine Wirkung nachlässt und das Kopfweh kommt. Aber ich bin davon überzeugt: Wir können das. Und eigentlich haben wir als Menschheit echt nichts mehr zu verlieren.

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