Ibogaine – Die Heilmedizin aus Afrika und die Heroinsucht

Iboga Pflanze

Stell dir vor, es existiert irgendwo in diesem Universum eine Wunderpille, mit der du tiefgehende Probleme in deinem Leben lösen kannst, zum Beispiel eine langjährige Heroin- Suchterkrankung. Eine Pille, mit der du einfach von Null anfangen kannst, ganz von Vorne. Klingt zu gut, um wahr zu sein? Eine Droge, um Drogensucht zu heilen? Darf ich vorstellen: die Iboga-Pflanze aus Afrika.

Vergangenes Wochenende besuchte ich die Ibogaine Konferenz, bei der sich Experten rund um den Globus in Wien versammelten, um neueste Forschungserkenntnisse aus Medizin, Psychologie, Anthropologie auszutauschen. Ich war neugierig, denn auch in psychedelischen Kreisen ist Ibogaine eher unbekannt; gilt als etwas Exotisches; eine Substanz, der man (mit Recht) erstmals skeptisch gegenüber tritt und von der man sagt, sie sei wie kein anderes Psychedelikum:

The healing experience with ibogaine is very masculine, very direct, very confrontational, very strong. So some people do refer to it as an African warrior archetype that shows them the errors of their ways and what they need to move on with their life. It forces you to confront these deep, dark truths that we all have, and the defense mechanisms that the ego sets up to protect ourselves are just blown away. It is a very raw and strong experience.
Dr. Martin Polanco

Was ist Ibogaine überhaupt?

Gewonnen wird das Alkaloid Ibogain hauptsächlich aus der Iboga Pflanze (Tabernanthe Iboga), die in den tropischen Gebieten Afrikas wächst. Das Volk der Bwiti beispielsweise arbeitet in spirtuellen Riten mit Ibogaine um eine Verbindung mit Gott aufzubauen und mit Ancestors oder Spirits zu kommunizieren.

Bei einer vollen Dosis Ibogaine berichten Menschen von einem traumähnlichen, luziden Zustand, der bis zu 36 Stunden (und länger!) anhalten kann. Positive Effekte sind Euphorie, spirituelle Einsichten, Visionen und leichte Open Eyes Visuals. Die Nebenwirkungen sind jedoch zum Teil enorm – schwere Übelkeit, Bewegungslosigkeit usw. Außerdem ist der Risikofaktor im Vergleich zu anderen Psychedelika wesentlich höher: es gibt Berichte, dass Menschen während einer Ibogaine Sitzung ums Leben gekommen sind. Der Grund ist zumeist Herzversagen, weswegen ein stabiler Gesundheitszustand äußerst wichtig ist.

Nach Europa ist die Pflanze Iboga im Jahr 1864 gekommen. Zwei Forschungsgruppen in Frankreich isolierten Ibogaine schließlich Anfang des 20. Jahrhunderts aus der Pflanze und verschrieben es als Medizin gegen Depression. In Mikrodosierung wirkt Ibogaine stimmungsaufhellend, aphrodisierend und energetisch. Die Bwiti nehmen beispielsweise gerne eine kleine Substanz davon ein, bevor sie auf die Jagd gehen, da es ihre Konzentration und Aufmerksamkeit steigert.

Das volle Potential des Alkaloids wurde erst als 1963 entdeckt, als man feststellte, wie wirksam Ibogaine in der Suchttherapie ist. Seitdem wird (trotz Gegenstimmen) geforscht – und es wird immer noch Neues entdecken.

Was passiert im menschlichen Körper, wenn man die Substanz zu sich nimmt?

Ibogaine wird im Körper zu Noribogaine umgewandelt, welches in verschiedenen Bereichen des  Gehirns eine Ausschüttung von GDNF (Glial Cell Line-Derived Neurotrophic Factor) bewirkt. Wie das ganze genau vor sich geht, ist für Wissenschaftler immer noch ein „missing link“ – man weiß es einfach nicht. Auf jeden Fall wird so das Wachstum neuer Dopamin-Neuronen stimuliert.  Bei einem Suchterkrankten ist das Belohnungssystem im Gehirn im biochemischen Ungleichgewicht.  Die Dopamin – Rezeptoren verlangen nach einem Schub, was sich beim Betroffenen in heftigem Verlangen auswirkt. Doch GDNF setzt das Belohnungszentrum auf Reset – und so wird das Verlangen nach der Substanz des Begehrens reduziert oder fällt ganz weg. Das heißt, es gibt keine oder nur wenige Entzugserscheinungen.

Für den Opioid -Entzug, der unter normalen Umständen sehr schmerzhaft ist, ist dies natürlich optimal. Daher gibt es in vielen Ländern Ibogaine-Zentren, die sich auf den Heroin-Entzug spezialisiert haben und eine Behandlung mit intensiver Vor-und Nachbereitung anbieten. Die Patienten können so die Erfahrung auch in ihr Leben integrieren und bestenfalls die wahre Wurzel der Erkrankung finden und heilen.

Auch in der Parkinson- und Hepatitis C Forschung zeigen mit Ibogaine behandelte Patienten gravierende Erfolge. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Dinge in Wissenschaft und Politik weiterentwickeln. Ibogaine ist nicht die einzige Antwort auf Suchterkrankungen. Auch wenn die Substanz physiologisch geradezu unglaubliche Auswirkungen hat, muss man vorsichtig bleiben, bevor man von einer Wunderpille redet und so die ganze innere Arbeit ausklammert. Ibogaine ist zudem keine leichtfertig einzunehmende Substanz – die (körperlichen) Risiken und Nebenwirkungen sind nicht unter den Tisch zu kehren. Die Erfolge in der Suchttherapie allerdings suchen Ihresgleichen.

Iboga will not do the work for you. However, it will help you do your own work.
MAPS Mexiko Study

Quellen und weitere Infos:

http://www.maps.org/research/ibogaine-therapy

http://iboga.info/general-info/

https://psychedelictimes.com/iboga/dancing-with-the-ancestors-traditional-iboga-use-in-bwiti-culture/

4 Kommentare

  1. Vielen Dank für den Artikel. Ibogaine ist eine absolut interessante Substanz und IMO gibt es viel zu wenig Wissen darüber in unseren Breiten. Könnte dem ein oder anderen nämlich weiterhelfen.

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