Ein Plädoyer für das nächtliche Träumen, das Heldentum und eine Rückkehr zur Bedeutung

Und einige Parallelen zwischen
fiktiven, psychedelischen und träumenden Reisen

„Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ (Goya 1799)

Die wenigsten Menschen in unserer westlichen Gesellschaft scheinen ihre Träume wirklich ernst zu nehmen. Spannend, ja, lustig sowieso, aber dass Träume auch ein Werkzeug zu Selbsterkenntnis und Einsicht sind, begreifen nur einige Psychologen, alte Freudianer/Jungianer oder ein paar andere Verrückte. In unserer postmodernen Gesellschaft wurde die Bedeutung zuerst aus Träumen genommen (sie seien bloß „sinnloses Abfallprodukt des Gehirns“), dann aus unseren Geschichten (mittels Dekonstruktion), und schließlich aus allem anderen. Liebe ist doch auch nur das Ausschütten von bestimmten Hormonen. Bevor ich anfing, mit psychotropen Substanzen zu arbeiten, habe ich auch eifrig dekonstruiert, Geschichten zerlegt und ihnen ihren Sinn genommen, und wurde dabei immer mehr zur Nihilistin. Wenn nichts Bedeutung hat… ist auch schon alles egal und gibt Raum für eine herrliche und schreckliche Verantwortungslosigkeit. Doch durch Psychedelika habe ich mir die Bedeutung Schritt für Schritt zurückgeholt. Sie begegnet mir nun überall: in Büchern, Filmen, Gesprächen, dem Wind, dem Leben, meinen Träumen. Von einer universalen Metaebene aus betrachtet mag nichts wirklich Bedeutung haben, könnten wir ebenso gut fröhliche Nihilisten, wie traurige Ideologen sein und niemanden würde es kümmern, wo wir doch nur winzige Krümel in einem unendlichen Universum sind. Aber aus einer menschlichen Ebene gesehen – und Menschen sind wir ja schließlich – hat einfach alles Bedeutung.

Träume sind von der Wissenschaft belächelt worden, ähnlich wie die Wirkung psychoaktiver Substanzen. Erst seit kurzem wissen Forscher, was einige Völker schon seit tausenden Jahren wissen: dass Psychedelika in vielerlei Hinsicht heilsam sind. Von der objekiven Ebene der Forschung aus, sehen Neurologen und Hirnforscher, dass sich während eines „Trips“ einiges tut, das die langzeitigen positiven Folgen erklärt. Aber was passiert auf der subjektiven Erfahrungsebene des Trippenden? Er sieht keine Moleküle, keine Neurotransmitter, keine Rezeptoren, kein Serotonin. Er erfährt die Magie des Trips selbst und startet eine Reise in sein Unbewusstes. Alles ist bedeutungsvoll, alles ist voller Symbolik, nichts ist zufällig, und oh – alles macht auf einmal Sinn!

Und Träume, so meine Theorie, sind genauso bedeutungsvoll. Was sind unsere Träume anderes als zusammengesetzte Fetzen unseres Seins? Eine Mischung aus bewusstem und unbewusstem Material, ein Aufgehen in sich selbst. Du hast beim Träumen nichts anderes als eine subjektive Erfahrung von dir selbst, per definitionem kannst du nur dich selbst erleben. Auch wenn dir andere Traumfiguren über den Weg laufen- du begegnest immer nur dir selbst. Und die Dinge, die dir begegnen, die Herausforderungen, denen du dich im Traum stellen musst, sind möglicherweise kein Zufall. Vielleicht ist es einmal eine düstere Frau, vor der du wegrennst, und einmal ein großer Mann, mag sein. Aber die Tatsache dass du wegrennst bleibt in jedem Fall bestehen. Wegrennen oder Kämpfen? Eine alte, fast schon archetypische Frage, die sich die Menschen immer schon gestellt haben. Sie ist uns von der Evolution selbst in die Gene geschrieben worden und macht sich bei Bedarf mittels Adrenalin bemerkbar. Und in deinen Träumen siehst du genau, wie du handelst. Du siehst, ob du jemand bist, der wegrennt, oder jemand, der kämpft. Dass du eine Wahl hast, du dich entscheiden kannst, tapfer zu sein, das weißt du vielleicht gar nicht. Ein gewisses Maß an Luzidität ist dafür notwendig, sowohl im wachen wie im träumenden Zustand.

Ich bin nicht das, was mir passiert ist. Ich bin das, was ich entscheide, zu werden.
Carl Jung

Und woher weißt du, was tapfer ist, was ein Held ist? Wie ein Held handelt? Aus Geschichten. Aus Mythen. Aus alten Erzählungen. Griechischer Mythologie. Aus Harry Potter, Herr der Ringe, Star Wars. Die Helden rennen nicht weg, die Helden stellen sich ihren Feinden. Immer. Und leicht ist es nie.

Es ist wichtig diese Geschichten zu kennen, denn dann weißt du, dass du eine Wahl hast: du kannst wegrennen, oder ein Held sein. In deinen Träumen siehst du nur dich selbst; und du siehst dich so, wie du dich wirklich siehst. Das katapultiert jegliche Selbsterkenntnis auf eine neue Stufe. Es gibt kein Verstecken und du kannst dich nicht anlügen. Du siehst deine Entscheidungen, deine Muster, deine Handlungen, eingebettet in eine konfuse Traumstruktur. Du siehst dein Unbewusstes, kalt und ungeschönt, genauso wie beim psychedelischen Reisen (ab einer bestimmten Dosis, wohlgemerkt). Träume nicht anzuschauen oder zu ignorieren ist keine weise Entscheidung, durch die dem Individuum jede Menge Selbsterkenntnis entgeht. Wenn du mit deinem Verhalten im Traum nicht zufrieden bist, wenn du immer wieder an dieselbe Mauer stößt, oder dich das selbe Monster bedroht, dann ändere etwas im Wachzustand (oder, sofern du luzide träumen kannst, auch gleich im Traum). Bist du ein Held im wachen Leben, wirst du auch ein Held im Traum sein – und umgekehrt.

Was der Traum vermag ist gewaltig: reparieren, vergegenwärtigen, weissagen, zuhören, warnen, erschrecken, besänftigen, enthüllen, befreien – und uns ermöglichen, zu vergessen. Der Traum ist eine einzigartige Form von Gegenwärtigkeit. Was durch ihn zu uns spricht, an lebenden und untergegangenen Wesen, Tieren, Gegenständen, Lichtern, Räumen hat die Kraft einer Erscheinung. Die Frage ist nur, ob wir in der Lage sind, sie zu empfangen, ob wir uns dem Traumrätsel der Welt nähern können, indem wir das zulassen, wozu der Geist des Traums uns auffordert: eine Transformation.

Anne Dufourmantelle

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