Es ist, wie es ist, aber…

When the power of love overcomes the love of power, the world will know peace.
Jimi Hendrix

Sonntagvormittag, die Sonne scheint, ich bin mit meinem Fahrrad auf der Steinhofgründe unterwegs. Familien picknicken, Menschen liegen in der hüfthohen Blumenwiese und lassen sich sonnen, Kinder spielen. Alles ist gut.

Alles ist gut?

Ja, irgendwie schon.

Seit ich ein paar Monate in Myanmar unterwegs gewesen bin, ein Land, das erst seit wenigen Jahren keine Militärdiktatur mehr ist (Menschenrechte aber zum Teil immer noch mit Füßen tritt)… und ich dort den Geschichten der Taxifahrer gelauscht habe, ist mir bewusst geworden, wie gut wir es in Österreich haben. Natürlich wissen wir alle bestens Bescheid über die Privilegien der Meinungsfreiheit und des Friedens, und des (weitgehenst) freien Zugangs zur Bildung. Dennoch ist es wichtig, sich das immer wieder bewusst zu machen- vielleicht wichtiger, als wir denken.

Denn es ist absolut keine Selbstverständlichkeit, wenn man die Geschichte betrachtet, oder einen Blick auf andere Länder wirft. Tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit, in ein freies Leben mit so vielen Möglichkeiten hineingeboren zu werden, verschwindend gering.

Ich denke, aus diesem Privileg erwächst die Verantwortung, Ordnung in das (menschenverursachte) Chaos auf unserem Planeten zu bringen. Damit meine ich nicht zwingend ein neues Regelwerk oder gar Gesetz. Diskussionen über Moral und Ethik fand ich persönlich seit jeher langweilig und unergiebig (wenn auch notwendig). Meiner Meinung nach gibt es keine von Außen auferlegte Verpflichung dazu, Verantwortung zu übernehmen und keine rationalen Argumente (die nicht widerlegt werden könnten), warum wir aufeinander Acht geben, oder nachhaltig und umweltschützend agieren sollten.

So gut wie jede Ethik kann widerlegt werden. Philosophen konstruieren Wertesysteme und versuchen mit verzweifelter Kraft, sich an den Strohhalm der Rationalität zu halten. Aber es ist nicht irrational „Böses“ zu tun. Man kann lustvoll sein ganzes Leben lang Hundwelpen skalpieren und gleichzeitig wunderbar schlüssige und logisch kohärente Argumente dafür liefern.

Manche haben für dieses Problem die Religion als Lösung genannt- eine sinngebende und wertstiftende Institution, gebunden an moralische Grundsätze wie zum Beispiel die Nächstenliebe im Christentum. Dass dies im Großen und Ganzen nicht ganz so funktioniert hat und dogmatische Verunreinigungen zu absolutem Irrsinn führten (und es immer noch tun), muss nicht weiter besprochen werden.

Woher nehme ich mir also das Recht, von Verantwortung zu sprechen?

Jetzt wird es ein wenig romantisch: Ich denke, dass der Wert der Verantwortung oder des „gut seins“ intrinsisch in jedem Menschen liegt. Wissenschaftlich betrachtet ergibt das auch evolutionärbiologisch Sinn (Gemeinschaft, Schutz, Fortpflanzung, usw.); es ist also nicht zwingend eine „gottgewollte“ Verpflichtung, sondern hat sich selektiv so entwickelt. Deswegen schmerzt es einem psychologisch gesunden Menschen, wenn er absichtlich gemein ist, deswegen existiert die Empfindung des Mitleids. Unleugbar gehören auch Aggressivität, Hass und Machtkämpfe zur Natur des Menschen. Es ist wichtig, diese Emotionen zu haben, wichtig, sie zu spüren. Aber wir haben die Macht der Entscheidung und müssen nicht folgen, was der erste Impuls von uns verlangt. Wir haben die Fähigkeit zum Selbstreflexion entwickelt, die uns erlaubt, die Dinge auf einer Metaebene zu betrachten. Der Mensch ist kein abgeschlossenes Ding. Wieso sollte ein steigendes Maß an Reflexivität und Empathie nicht Teil des evolutionären Prozesses sein?

Und genau das ist der Punkt, und ich kehre wieder auf die sonnige Blumenwiese zurück: Es geht uns so gut, dass wir uns endlich mal richtig um uns selbst kümmern können. Dass wir nicht einfach im Fluss des Lebens gemütlich vor uns hinschwimmen und uns ab und zu mit fischigen Leckerbissen Sinnesfreuden verschaffen, sondern unseren Scheiß geregelt bekommen. Erstmals jeder für sich selbst und dann, irgendwann, auf globaler Ebene.

Und dann trinken wir erstmal einen schönen Tee
und massieren uns gegenseitig
und der eine zeigt dem andern die Bilder die er gemalt hat
und irgendwie baun wir dann auch ein neues Finanzsystem auf
und haben alle keinen Hunger mehr
und dann gehen wir wieder zusammen ab
und sind wieder eine riesengroße Family
Käptn Peng

Ich gebe zu: Wenn gerade die Bomben um einen fallen, ist es schwierig seine Morgenmeditation einzuhalten. Wer seine sieben Kinder ernähren muss, obwohl er sich selbst nicht einmal über Wasser halten kann, wird am Wochenende wohl kein Tanz-und Traumaheilungsseminar für 2,899 € besuchen. Im Auge eines Hurricans ist es wahrscheinlich auch nicht so ratsam, seine LSD unterstützte Psychotherapie abzuhalten (obwohl es sicherlich äußerst interessant wäre…).

Aber hier und jetzt gibt es keine Ausreden. Peace.

Anmerkung: Wer sich mein Geschwafel ersparen möchte, liest am besten einfach nur diese Geschichte. In Erzählungen steckt wie immer die schönste Weisheit:

Ein alter Indianerhäuptling sitzt mit seinem Enkel am Lagerfeuer. Er erzählt:
„In jedem von uns tobt ein Kampf zwischen zwei Wölfen.
Der eine Wolf ist böse.
Er kämpft mit Neid, Eifersucht, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst.
Der andere Wolf ist gut.
Er kämpft mit Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.

Der Junge denkt nach. Dann fragt er:
„Und welcher der beiden Wölfe gewinnt?“

Der alte Häuptling wirft noch einen Holzscheit ins Feuer und sagt:
„Der, den du fütterst.“

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