Un – Sicherheit

„We began in a fairytale and we came to life, but is this life reality? No. It is a film. Zoom back camera.“

The Holy Mountain

Berlin, Deutsche Film- und Fernsehakademie. Es könnte der Anfang eines Films sein, der ruhig und gewissenhaft erzählt, mit langen Einstellungen und interessanten Protagonistinnen: 32 künstlerisch orientierte, junge Menschen werden zusammengeworfen, verbringen ein paar Monate intensiv Zeit miteinander und werden dann dazu aufgefordert, selbstständig Gruppen von sechs zu bilden, um in dieser Konstellation ihren Abschlussfilm zu machen.
Im ersten Akt scheint es, als hätten sich alle aufrichtig gerne, doch im Gruppenfindungsprozess kommt viel zum Vorschein: Angst, Überforderung, Druck. Was ein spielerischer Umgang mit der Kunst des Filmemachens sein könnte, wird auf einmal sehr, sehr Ernst. Wieso ist das so und was hängt damit alles zusammen?
Ein paar soziologische Beobachtungen anhand von im Diskurs gefallenen Aussagen (mit keinerlei Anspruch auf Wahrheit)…

„Wir sitzen im selben Boot, sind alle miteinander verbunden.“

Vielleicht mag das mit der Verbundenheit auf irgendeiner Ebene stimmen, das weiß ich nicht. Fakt ist: Es fühlt sich nicht sicher an. Es ist eine physiologische Tatsache, dass wir in dieser Kultur Angst voreinander haben und konstant (körperlich) gestresst sind, auch wenn wir abgestumpft sind und das nicht so wahrnehmen. Der Mensch ist ein Säugetier und daher ein Herdentier. Wir sind nicht dazu gemacht, konstant Angst voreinander zu haben. Seit ich in Berlin wohne, suche ich. Seit ich an dieser Akademie lerne, leide ich. Manchmal wirkt diese Schule wie ein Nicht-Ort, an dem wir unabhängig von den gesellschaftlichen Realitäten und Irrungen vor uns hinleben. Aber ganz so utopisch ist es hier leider nicht. Mein autonomes Nervensystem teilt mir mit: Es ist hier nicht sicher. Denn wäre es sicher- es wäre das Paradies. Es wäre – rein physiologisch gesehen – wie mit Welpen kuscheln, Elton John hören, Schokoladenkuchen essen und eine Massage gleichzeitig bekommen. Alles, was dem nicht entspricht, ist ein Zeichen, dass wir uns nicht sicher miteinander fühlen. Das ist niemandes Schuld. Aber wo wir uns nicht sicher fühlen, misstrauen wir einander. Und wo wir einander misstrauen, können wir uns nicht verbunden fühlen.

The Holy Mountain – Jodorowsky

 „Wir sind erwachsen. Stellt euch nicht so an, Leude.“

Was bedeutet das, „erwachsen“? In dieser Gesellschaft gibt es keine Initiationsriten wie in anderen Kulturkreisen; wichtige Entwicklungsschritte werden ersetzt mit kapitalistisch motivierten Hürden: Schulabschluss, erster Job usw. Irgendwann findet man sich Ende 20 wieder, weiß, man darf jetzt nicht mehr impulsiv handeln und muss sich möglichst ernsthaft mit den Herausforderungen des Lebens auseinandersetzen, hat aber keine Ahnung, wie. Also kopiert man sein Umfeld. Erwachsensein in dieser Welt heißt: Keine unangebrachten Gefühle äußern und „so tun als ob“. Äußert man seine Verletzung oder scheitert man in dieser brutalen Welt, gilt man als Mimose und hat sich ein härteres Fell zuzulegen.

„Alle haben am Ende eine Gruppe! Es gibt also keinen Grund, sich einen Kopf zu machen.“

Wir haben in dieser Kultur nicht nur verlernt, unsere Körper zu spüren, sondern auch gelernt, Ängste mit zynisch-intellektueller Motivation ausradieren zu wollen. Die Angst, außen vor gelassen zu sein ist real. Auch wenn sie in einem logisch-linearen Denken keinen Raum haben sollte, ist sie trotzdem da. Nochmal: wir sind Herdentiere. Sich nicht zugehörig zu fühlen, ist eine Todesangst. Nicht gelebte Angst wandert in den Kopf. Daraus entstehen dann endlose Diskussionen, in denen niemand sich gehört fühlt.

„Das ist lächerlich und übertrieben.“

In einer perfekten Welt, in der wir reif und präsent sind, wäre es lächerlich, sich mit so einer simplen Aufgabe länger aufzuhalten. Es ist ein Traumasymptom (vgl. zB. Peter Levine), dass Dinge, die einfach sind, kompliziert erscheinen. Deswegen mag es dem ein oder anderen absurd erscheinen, was hier passiert. Dieser Gruppenfindungsprozess weckt deswegen solche Emotionen, weil es an den Kern des (meines) Menschseins dockt. Fast möchte ich mir selbst Wohlstandsgerede vorwerfen, wenn ich diesem Thema einen eigenen Beitrag widme. Aber die Ebene, von der diese (Selbst-)Beschämung kommt, ist Teil des Problems, das die Wunde erst erschaffen hat: sich selbst nicht wahr- und nicht ernstnehmen.

Die Wahrheit ist: Es berührt mich. Meine Ängstlichkeit berührt mich. Und als Kunstschaffende und Körperforscherin möchte ich sehr achtsam mit diesem Thema umgehen, das letzten Endes den Tod selbst betrifft. Natürlich klingt das dramatisch und ich lade alle Lesenden ein, das herzhaft zu belächeln. Doch ich frage mich: was für Künstlerinnen sind wir, wenn wir uns nicht mit unseren Wunden auseinandersetzen? Was wollen wir eigentlich erreichen mit unseren Filmen, unseren Geschichten, mit unserem Leben selbst? Wie wollen wir durch das Leben gehen, wie durch das Filmemachen? Ist es die Kunst wert, dass wir leiden? Ist es die Außenwelt wert, dass wir uns ihr fügen?

Es wäre schön, auf irgendeine dieser Fragen eine Antwort zu haben. Aber ich habe keine. Daran ist nichts poetisch. Man nennt es Ratlosigkeit. Es ist eine Auseinandersetzung, die beständig ihren Raum in meinem Leben sucht und der ich, aus Respekt den großen Fragen des Lebens gegenüber, diesen Text widme.

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